Tim Klimeš, AVE:

“Guter Journalismus ist immer Handwerk und nie Routine.”

Was ist guter Journalismus?
Ein Journalismus, der nicht am Fließband entsteht, der nicht ritualisiert abgespult wird, sondern hinter dem ein Anliegen, eine Idee steckt. Ob das nun das Anliegen ist, zu informieren, aufzuklären, oder schlichter: zu unterhalten. Guter Journalismus ist immer Handwerk und nie Routine.

Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Natürlich! Eine große sogar! Als Inspirationsquelle. Als Informationsquelle. Als phänomenaler Kommunikationskanal.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Die sprichwörtliche Ochsentour im Lokalen. Wer früh anfängt zu schreiben, vor Ort ist, seien es auch vermeintlich banale Veranstaltungen, der sammelt mit der Zeit das Rüstzeug, das er – egal für welchen Job, ob in TV, im Radio, im Digitalen oder im Print – immer brauchen wird. Es klingt so banal, aber wer neugierig und ehrlich interessiert ist, stellt die richtigen Fragen. Und wer gelernt hat, die Antworten spannend zu vermitteln, der findet den Weg in die Branche ganz von selbst.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Der simpelste und erfolgsversprechendste Ratschlag: Einfach machen. Es ist richtig und wichtig, neue Ideen erst einmal zu diskutieren, sie zu Papier zu bringen, zu drehen und zu wenden. Aber: Irgendwann müssen diese Ideen auch umgesetzt werden, getestet werden, unter realen Bedingungen. Die Amerikaner haben “trial and error” zum Prinzip erhoben. Bei uns nennt man das dann wohl: “Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.” Sollte man sich öfter zu Herzen nehmen.

Wie geht’s weiter?
Es wird toll, mindestens. Nein, im Ernst: Es heißt zwar immer, die Branche sei in der Krise und sicherlich stimmt das bis zu einem gewissen Grad auch. Aber bei allem Trübsal: Wir werden gerade von neuen kreativen Ideen überschwemmt, die im Windschatten dieser Krise die Grenzen von Journalismus, von Storytelling neu ausloten. Neue Mitspieler wie BuzzFeed oder Netflix konnten ja nur deshalb dazu stoßen, weil die alte Ordnung durcheinander gewirbelt wurde. Und es gibt ja nun Schlimmeres, als von einer Kreativitäts-Welle ergriffen zu werden.


Tim Klimeš, Leiter TV & Digitale Projekte bei der AVE – hat u.a. das Format 140 Sekunden und 15 Minutes of Fame entwickelt

Werner Doyé, Frontal21:

“Ohne Begeisterung für Themen wird man als Journalistin oder Journalist nicht besonders gut sein.”

Was ist guter Journalismus?
Da gibt es so viele Definitionsmöglichkeiten. Klassisch: Gute Journalistinnen und Journalisten machen sich nicht gemein mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache (Hajo Friedrichs). Philosophisch: Guter Journalismus hilft beim Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit (I. Kant). Literaturtheoretisch: Die Kunst des Erzählens besteht darin, eine Katze mit maximalem Effekt aus dem Sack zu lassen (H. Karasek). Formalistisch: Guten Journalismus erkennt man an der sauberen Trennung der verschiedenen Darstellungsformen (Publizistik 1. Semester). Anarchistisch: Wenn ich hier nicht tanzen darf, möchte ich an dieser Redaktion nicht beteiligt sein (E. Goldman). Wer all das beherzigt und sich dann auch noch davor hütet mit – teilweise auch noch abgewandelten – Zitaten um sich zu schmeißen, der oder die hat es wirklich geschafft.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Wer sich noch an das Arbeiten mit einer veralteten Auflage des Oeckl erinnert kann gar nicht anders, als das Internet schon aus rein praktischen Gründen als großartige Hilfe zu empfinden. Außerdem liefert es Anregungen sowohl inhaltlicher als auch formaler Art in einem Ausmaß, das früher undenkbar war. Auch die sozialen Netzwerke sind hilfreich: Keine PK und kein Parteitag, von denen Kolleginnen und Kollegen nicht auch solche Beobachtungen twittern oder bloggen, die später nicht in Artikeln oder TV-Beiträgen auftauchen.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Am wichtigsten finde ich nach wie vor eine grundsätzliche Begeisterungsfähigkeit. Ohne diese Begeisterung für Themen wird man als Journalistin oder Journalist nicht besonders gut sein (was nicht heißt, dass man nicht total erfolgreich sein kann, aber das ist eine andere Geschichte). Hat man diese Begeisterungsfähigkeit, übersteht man auch die Schwierigkeiten die mittlerweile auf jedem Einstiegsweg in unseren Beruf warten und die sicherlich größer und entmutigender sein können als noch vor zehn Jahren. Was die Einstiegswege als solches betrifft: Wer ein Volontariat oder einen Platz auf einer Journalistenschule ergattert, hat immer noch gute Chancen.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Ratschlag: Siehe „Begeisterungsfähigkeit“ in der Antwort zuvor.
Regel: Mach Dir klar was die Aussage des Textes oder Beitrags sein soll, bevor Du anfängst zu schreiben.
Routine: Ich schaue mir Beiträge mit etwas zeitlichem Abstand noch mal an und finde jedes mal Dinge, die man hätte besser machen können.

Wie geht’s weiter?
Die Arbeitsbedingungen werden schlechter, guten Journalismus wird es aber weiterhin geben. Dank Bloggern etc. gibt es sogar mehr davon, auch wenn er manchmal schwerer zu finden ist.


Werner Doyé, Redakteur und Satiriker bei Frontal21 (ZDF)

Kathrin Hartmann, freie Journalistin:

“Ich beobachte ein zunehmendes Misstrauen gegen die Mainstreammedien, das ich auch teile.”

Was ist guter Journalismus?
Guter Journalismus hinterfragt Macht und beleuchtet deren Strukturen und Auswirkungen auf die Allgemeinheit. Er ist unabhängig aber auch empathisch, schaut den Herrschenden auf die Finger und agiert nicht als deren Verlautbarungsorgan. Eher nimmt er die Rolle einer Gegenöffentlichkeit ein – indem er Fakten richtig gewichtet und in den größeren Zusammenhang einordnet, so dass sich die Allgemeinheit ein Urteil bilden kann. „Neutral“ zu sein bedeutet nicht, keine Haltung zu haben, sondern unabhängig zu sein von Interessen, die nur einem kleinen Teil der Gesellschaft nützen. Guter Journalismus ist investigativ, klärt auf, stellt aber mehr Fragen als er meint, beantworten zu können, regt Debatten an und gestaltet eine lebendige demokratische Gesellschaft.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Als ich anfing, journalistisch zu arbeiten, war Internetrecherche kaum möglich. Man musste viel Zeitung lesen und in Archiven stöbern. Vor allem aber musste man mit vielen Menschen reden. Es war nicht so leicht, sich schnell ein Urteil zu bilden. Mühsam manchmal, aber nicht unbedingt ein Nachteil. Heute ist mir das Internet eine riesengroße Hilfe, ich habe Zugriff auf internationale Zeitungen, Studien, Blogs – insbesondere Watchblogs – und ich kann Gesprächspartner aus der ganzen Welt finden und mit ihnen ganz einfach kommunizieren.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Mein Weg in den Journalismus war klassisch – jahrelange feste und freie Mitarbeit im Lokalteil der Frankfurter Rundschau, dann Volontariat bei der FR. Man glaubt es kaum, aber davon konnte ich neben meinem Studium ganz gut leben. So einen klassischen Weg würde ich jederzeit empfehlen, aber ich glaube, dass das heute für viele unmöglich ist. Freier Journalismus, insbesondere Lokaljournalismus, ist katastrophal schlecht bezahlt, Praktika manchmal gar nicht. Da dranzubleiben geht eigentlich nur, wenn man Eltern hat, die einem das finanzieren. Eine fatale Entwicklung, die auch dazu führt, dass sich an den Journalistenschulen und in den Medien selbst immer mehr Angehörige höherer Schichten tummeln und dort ihre Weltsicht verbreiten.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Weil ich gern Dinge hinterfrage, die mehrheitlich für gut befunden werden, weil sie so pragmatisch sind (zB. Ethischer Konsum, Tafeln, Mikrokredite, Fairer Handel) klopfe ich diese nach folgenden Fragen und recherchiere entsprechend: Wer sind die Akteure? Ändert es die Strukturen oder erhält es sie? Wie sehen es die, die angeblich davon profitieren sollen? Wer profitiert tatsächlich? Was sind die Folgen für die, die es betrifft, und für die Allgemeinheit? Dabei versuche ich, vor allem mit denen zu sprechen, über die dauernd gesprochen wird, die aber nie zu Wort kommen, weil sie gar nicht erst gefragt werden.

Wie geht’s weiter?
Ich beobachte ein zunehmendes Misstrauen gegen die Mainstreammedien, das ich auch teile. Das absurde Chaos bei Spiegel, Stern und Focus spricht Bände. So auch der Erfolg bestimmter Blogs und Internetportale wie Nachdenkseiten, Bildblog, Carta, law blog, Klimalügendetektor und andere Watchblogs, die auch die Medien selbst ins Visier nehmen. Gleichzeitig gibt es mehr und mehr journalistische Projekte, die von großen Verlagshäusern unabhängig sind oder sein wollen und so etwas wie „demokratischen“ Journalismus bieten wollen. Ich weiß noch nicht so richtig, was ich davon halten soll. Vielleicht wird das zu einer Blase. Dass sie sich aber zur Aufgabe gemacht haben, ungerechte und verkrustete Strukturen – letztlich Machtverhältnisse – aufzulösen oder zumindest zu hinterfragen und damit eine Debatte über Journalismus anregen, das gefällt mir gut.


Kathrin Hartmann, freie Journalistin und stv. Vorsitzende der freischreiber

Benjamin Piel, Elbe-Jeetzel-Zeitung:

“Einfach machen.”

Was ist guter Journalismus?
Die schlimmste Hauptsache der Welt.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Komische Frage.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Einfach machen. Und machen. Und machen. Und machen. Und wenns am Ende keinen Spaß bringt: lassen.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Morgens ein Kaffee hilft manchmal.

Wie geht’s weiter?
Be here now.


Benjamin Piel, Elbe-Jeetzel-Zeitung, (Gewinner des Theodor-Wolff-Preises 2014)

Fiona Krakenbürger, freie Journalistin:

“Sich nicht beirren lassen.”

Was ist guter Journalismus?
Die Frage ist zwar einfach gestellt, aber umso schwieriger zu beantworten. Im öffentlichen Diskurs wird nicht selten von allgemein gültigen Kriterien für „Guten Journalismus“ ausgegangen. Er soll unabhängig sein, vermeintlich objektiv, investigativ, mit Zeit, Mühe, Schweiß und Tränen des Journalisten aufgewertet sein und vor Nichts zurückschrecken. Viele dieser Ansprüche sind nur noch für einen Bruchteil der momentan aktiven JournalistInnen realistische Ziele, geschweige denn Lebensrealität und es werden viele journalistische Produkte konsumiert, die sogar keinem dieser Ansprüche genug werden. Ich glaube, es immer ein subjektives und sehr persönliches Erlebnis, ob Journalismus gut ist. Ich sehe die bedeutsamen Kriterien woanders – in der vermittelnden Funktion von Journalismus. Journalismus ist eine Möglichkeit, verschiedenen Welten etwas übereinander zu erzählen. Dafür muss Journalismus zwei Kriterien erfüllen – er muss Sachverhalte gut erfassen und zweitens vermitteln können. Das heißt, JournalistInnen müssen sich einen Überblick verschaffen, die Spezifika herausarbeiten und diese in einer Sprache wiedergeben, die ihrer Zielgruppe zusagt und verständlich ist.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Das Internet bietet mir seit vielen Jahren einen Resonanzraum für das was ich schreibe, sage und zeige. Das wertvollste Feedback kommt dabei von Menschen, die selber keinen technischen Hintergrund haben, aber interessiert an Computertechnologien sind und gerne dazu lernen möchten. Sie können mir ein Bild davon vermitteln, welche Ansätze ihnen weiterhelfen, welche zugänglich sind und welche sie überfordern. Darüber hinaus wäre ich ohne das Internet sicherlich nie in die Rolle einer Vermittlerin für Technisches gekommen. Das ist erst durch den Austausch mit Lesern und Leserinnen von Fionalerntprogrammieren eine naheliegende Option geworden, da der Bedarf für ein niedrigschwelliges Angebot von n00bs für n00bs erst dadurch sichtbar wurde.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Das weiß ich nicht genau – du bist im Grunde genommen der erste, der mich Journalistin nennt. Ich bin offensichtlich reingerutscht. Aber ich denke, generell gilt: Die Alternative zum klassischen Ausbildungsweg hin zu einer Expertin ist es, eine spezifische und besondere Kombination von Interessen und Fähigkeiten zu haben.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Ich tue eigentlich nur das, was ich auch spannend finde, das hat bisher überraschend gut funktioniert. Ansonsten haben sich zwei Dinge bewährt: Aktiv den Austausch mit interessanten und spannenden Menschen suchen und sich nicht beirren lassen.

Wie geht’s weiter?
In den nächsten 6 Monaten werde ich auf jeden Fall den Projekten n00bcore und Looking Into Black Boxes mehr Zeit widmen. Das Studium muss ich dafür niedriger priorisieren, aber die gewonnene Zeit werde ich mit großer Sicherheit sinnvoll nutzen, unter Umständen auch für ein paar Artikel rund um die Themen, mit denen ich mich zur Zeit beschäftige.

Fiona Krakenbürger, freie Journalistin und Podcasterin

Guido Graf, litradio:

“Wir hören ja nicht auf, keine Ahnung zu haben.”

Was ist guter Journalismus?
Menschen, Dinge und Kontexte zeigen und erzählen, die man selbst noch nicht kennt und die vermutlich auch nur weniger derjenigen kennen oder so betrachtet haben, für die man schreibt. Gute Journalisten erfinden investigativen Kulturjournalismus oder entwickeln Storytellingmodelle, um Prozesse im Finanzsektor zu beschreiben. Guter Journalismus weiß, was er erzählen und zeigen und hörbar und sichtbar machen will, weiß um die Werkzeuge, mit denen das möglich ist, weiß über ihre Grenzen und Unzulänglichkeiten und eben ihre Möglichkeiten, weiß nicht nur genau, was ihn interessiert, sondern kann das auch aus der Leser-, Nutzer-, Zuhörer- und Zuschauerperspektive vorstellen. Guter Journalismus weiß, dass früher alles besser war, dass das Jetzt die unendliche Fläche der Gleichzeitigkeit und des Vorläufigen ist und dass er übermorgen vielleicht schon seine Kernkompetenzen in irgendeiner PR-Knechtschaft monetarisieren muss. Guter Journalismus wird von Menschen gemacht, die Mechaniker und Melancholiker zugleich sind.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Das Internet ist für Journalisten ein Raum für Recherche, Kommunikation und Produktion, der sich mit anderen medialen Räumen auf nahezu jede denkbare Weise verbinden lässt. Entscheidend ist die Kombination dieser Felder. Auch die Kombination mit den nicht-digitalen Räumen. Dann passiert etwas Neues.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Wer glaubt, den besten Weg gewählt zu haben, hat den Beruf verfehlt und ist voraussichtlich längst im Abseits gelandet. Man muss viele Wege gehen, manchmal sogar mehrgleisig. Auch die klassische lokaljournalistische Kaninchenzüchtervereinsversammlungsvariante als Startpunkt kommt heute, wenn sie gut sein will, nicht mehr aus ohne Kompetenzen gegenwärtiger medialer Instrumente und ihrer multimedialen Produktion. Vor allem gibt es keinen sicheren Weg. Die Wahrscheinlichkeit, gut bezahlte Aufträge oder gar Jobs zu bekommen, ist sicher höher, wenn man eine Journalistenschule absolviert. Die Zukunft des Journalismus kann aber auch woanders stattfinden. Man sollte nach Ausbildungswegen suchen, die nicht nur einem selbst ermöglichen, sich unverwechselbare Kompetenzen anzueignen, sondern vor allem anderen Journalismus als gemeinschaftliche Praxis zu entwickeln.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Heinz von Foerster hat gesagt: „Bitte, nie zu sagen, das ist langweilig, das kenn ich schon. Das ist die größte Katastrophe. Immer wieder sagen, ich habe keine Ahnung, ich möchte das noch einmal erleben.“ Also: ich habe keine Ahnung, also frage ich noch mal. Und noch mal. Und beim nächsten Mal wieder. Es hört ja nicht auf. Wir hören ja nicht auf, keine Ahnung zu haben.

Wie geht’s weiter?
Unsicherheiten, Veränderungen, Katastrophen und immer wieder einzelne neue Ideen. Mit diesen anstrengenden medialen und ökonomischen Bedingungen kämpfen Journalisten schon länger als zehn oder zwanzig Jahre. Martin Burckhardt hat in seinem Buch „Digitale Renaissance“ einen größeren Kontext dazu umrissen. Und um solche Kontexte im Kleinen wie im Großen wird es verstärkt gehen. Kontexte, in denen Medienbedingungen wie etwa die Grenzen zwischen Produktion und Rezeption reflektiert werden. Kontexte, die durch gemeinschaftliche Produktion und Rezeption überhaupt erst hergestellt werden. Kontexte, die spannend sind, weil sie beweglich sind und man an ihnen teilhaben, sie mit anderen zusammen gestalten kann. Muss man das noch Journalismus nennen? In diesen Kontexten wird es (traditionelle) Produktions- und Publikationsformen geben, die der Aufklärung der Gemeinschaft oder Gesellschaft über sich selbst dienen. In den Maschinenräumen dieses zukünftigen Journalismus arbeiten die Türhüter von gestern und heute als Schmiermittelexperten.


Guido Graf, unterrichtet Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Gründer von litradio.net.

Jan Christe, t3n:

“Gerade im Online-Journalismus stehen wir erst am Anfang.”

Was ist guter Journalismus?
Guter Journalismus hilft dabei, die Welt oder einen thematischen Ausschnitt dieser besser zu verstehen. Außerdem schafft er neue Blickwinkel und inspiriert.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Es bietet die Möglichkeit, mit überschaubarem Aufwand journalistisch aktiv zu werden, eine Öffentlichkeit zu erreichen (und sei sie zunächst auch noch so klein) und gute Geschichten zu erzählen. Ohne das Internet wäre ich nicht in der Lage gewesen, zusammen mit Kollegen innerhalb von nur 10 Jahren einen Digital-Verlag aufzubauen, der heute für 30 Menschen den Lebensunterhalt erwirtschaftet.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
DEN besten Weg gibt es aus meiner Sicht nicht. Aber ein guter Anfang ist es, selbst aktiv zu werden, also zu twittern, zu bloggen, sich in Online-Communitys zu engagieren oder Gastartikel für Blogs und andere Publikationen zu schreiben. So trainiert man und vor allem entstehen so Kontakte, die den Weg in den Beruf ebnen.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Beim Journalismus: Maximale Empathie für den Leser. Gerade als Fachmedium sollte man dies beherzigen, denn nur so schafft man es, von den Lesern als „unverzichtbar“ wahrgenommen zu werden.
Bei der täglichen Arbeit: Den Tag nicht in der E-Mail-Inbox starten, sondern mit der Frage: Was will ich heute schaffen, damit ich Abends denke „heute war ein guter Tat“?

Wie geht’s weiter?
Aufregend. Gerade im Online-Journalismus stehen wir aus meiner Sicht erst am Anfang. Neue Technologien werden uns völlig neue Erzählformen ermöglichen. Und auch mit heutigen Mitteln ist bereits mehr möglich, als wir auf vielen Seiten sehen. Ich habe zudem die Hoffnung, dass die Probleme der Tageszeitungen und vieler großer Online-Medien dazu führen, dass einige der dort beschäftigten Journalisten das Heft selbst in die Hand nehmen und interessante Projekte starten.


Jan Christe, t3n

Melanie Bergermann, WiWo:

“Follow the money”

Was ist guter Journalismus?
Guter Journalismus steht für intensive Recherche, die dem Leser einen Erkenntnisgewinn beschert.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Das Internet hilft Informationen ohne viel Aufwand einzuholen. Es ist allerdings auch eine Gefahr. Informationen, werden oft ungeprüft ins Netz gestellt, Quellen sind nicht verifizierbar. Die Anonymität des Internets lockt viele unseriöse Meinungsmacher an.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Eine Mix aus Theorie und Praxis. Praktika und freie Mitarbeit bei verschiedenen Medien helfen ein Bild vom Beruf des Journalisten zu gewinnen und stellen den sinnvollsten Start in den Beruf dar. Eine zusätzliche theoretische Ausbildung, um die verschiedenen Stilformen, Recherchemethoden und vor allem rechtlichen Grundlagen zu erlernen, ist allerdings unverzichtbar.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Follow the money!

Wie geht’s weiter?
Guten Journalismus wird es noch in 1000 Jahren geben.


Melanie Bergermann, Wirtschaftswoche (Wirtschaftsjournalistin des Jahres)

Mario Sixtus, Elektrischer Reporter:

“Frei schreiben, viel frei schreiben, noch mehr frei schreiben.”

Was ist guter Journalismus?
Guter Journalismus erklärt die Welt. Er liefert dem Nutzer Informationen über die wirkenden Mechaniken, Zusammenhänge und Hintergründe unserer Relitätsebene, damit es ebendiesem Nutzer – im besten anzunehmenden Fall – einfacher fällt, in seinem Leben sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Das Ziel muss also immer das große Bild sein, auch wenn die kleine heiße Nachricht noch so verführerisch blinkt und heult.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Das Internet ist eine Jetztmaschine. Auch wenn irgendwelche Informationen mal nicht direkt – jetzt – im Netz herumliegen, finde ich über das Netz Menschen, die mir auf der Suche danach weiter helfen – jetzt.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Frei schreiben, viel frei schreiben, noch mehr frei schreiben; Kellnern gehen oder sich einen anderen Nebenjob suchen, der es
erlaubt, viel frei zu schreiben.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Denken wie ein Naturwissenschaftler. Karl Popper verstehen

Wie geht’s weiter?
Die alten Institutionen, die stellvertretend für zumindest soliden Journalismus standen, verschwinden. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. In Zukunft wird der Nutzer die Glaubwürdigkeit einer Quelle, die Plausibilität einer Nachricht, die Vertrauenswürdigkeit eines Experten etc. weitgehend selbst berurteilen müssen. Peter Glaser hat mal gesagt, im Internet-Zeitalter müsse jeder User grundlegende journalistische Fähigkeiten entwickeln. Und genau so ist es.


Mario Sixtus, Elektrischer Reporter auf ZDFinfo und freier Journalist

Dirk Hansen, freier Journalist:

“Ein Journalismus, der sich Zeit für den Zweifel nimmt, für den zweiten Gedanken.”

Was ist guter Journalismus?
Ein Journalismus, der es schafft, das Wahre zu erkennen und das Wesentliche zu benennen – und sich dann die Zeit für den Zweifel nimmt, für den zweiten Gedanken. Auch sollten wir versuchen, soweit irgend möglich, unabhängig von Interessen zu handeln, manchmal sogar von den eigenen.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
So sehr und so gut, dass ich es mittlerweile kaum noch wahrnehme. Nicht einmal dann, wenn es mich zu behindern beginnt, weil ich dort vor lauter Fakten keine Tatsachen mehr finde.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Immer noch der Pfad der Praxis, wobei auch Umwege ans Ziel führen können. Als Kompass empfehle ich das Bewusstsein für das eigenen Können und als Treibstoff die Leidenschaft, wichtige Fragen zu (er-)klären. An Transportmitteln gibt es viele wunderbare Vehikel: Volontariate, Journalistenschulen, praxisorientierte Studiengänge. Vielleicht ginge es auch zu Fuß, per Blog etwa.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Differenzieren, also immer auf die Unterschiede achten. Zwischen der Oberfläche und den Hintergründen von Themen zum Beispiel. Oder zwischen journalistischer Haltung und publizistischer Pose bei mir selbst.

Wie geht’s weiter?
Journalismus im digitalen Medienwandel bleibt eine aufregende Gratwanderung. Wobei die Abgründe immer tiefer und die Erwartungen immer höher werden.



Dirk Hansen
, freier Journalist und Medienberater