Xifan Yang, freie Journalistin:

“Ich bin mir nicht sicher, ob ich derzeit den Weg in diesen Beruf empfehlen würde.”

Was ist guter Journalismus?
Nicht auf jeder Erregungswelle mitschwimmen. Vor Ort sein statt Schreibtischrecherche. Texte, die mit Erwartungen brechen und den Horizont erweitern. Redaktionen, die sich eine Dokumentation leisten.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Ohne das Internet, vor allem aber ohne VPN, wäre ich in China aufgeschmissen, da ich sonst keinen Zugang zu unzensierten Informationen hätte.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Ich schließe mich einer meiner Vorrednerinnen an: Ich bin mir nicht sicher, ob ich derzeit den Weg in diesen Beruf empfehlen würde.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Notizen gleich am Abend sortieren.

Nie einen Kontakt aus dem Handy löschen.

Wenn der Interviewpartner zumacht: Lächeln.

Wie geht’s weiter?
Das wüsste ich auch gerne. Ich glaube an das Format Longform und hoffe, dass es in Deutschland eine Chance bekommt.

Xifan Yang, freie Journalistin für zahlreiche Medien in Shanghai

Nataly Bleuel, freie Journalistin:

“Vor dem Schreiben noch mal denken.”

Was ist guter Journalismus?
In gutem Journalismus stecken, auch wenn das keiner so buchstabiert: Recherche, Ideen, Haltung, Neugier, Empathie, Offenheit, Intelligenz, Bildung, Witz, kleine Information und große Geschichten und Gefühle und manchmal sogar Liebe. Leider immer weniger Z und H, Z wie Zeit und H wie Honorierung. Also viel zu wenig W wie Wertschätzung.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Aber hallo!, für die sofortige Beschaffung von Informationen. Gerade eben: Was ist BSL4? Manchmal stelle ich mir vor, wie es ohne wäre, und war. Die Berge von Telefonbüchern. Zig zähe Telefonate. Die Stabi. Der Taxifahrer. Und dann bist du immer noch nicht sicher.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Bei mir war es der allererste Auftrag im Praktikum: „Geh mal auf den Markt und schau, was da so los ist!“ Dann die Anziehungskraft eines Menschen in Form eines Redakteurs. Und die Journalistenschule. Also: Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft und Handwerk. Aber auch elf Praktika.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Viel zu viele Routinen und Regeln und deshalb ungern auch noch Ratschläge, schon gar nicht in Marmor graviert. Manchmal denke ich an Herbert Riehl-Heyse, der empfahl: Vor dem Schreiben noch mal zu denken. Also darüber nachzudenken, wie ein Text aufgebaut sein könnte, was man wie darin sagen will und wozu. Zu wem – ist für mich auch wichtig.

Wie geht’s weiter?
Weiter machen. Schreiben. Mein Bestes geben. Nicht zu viel drüber Nachdenken, am besten eher wenig und die Alpträume am Morgen verdrängen, weiter machen. Kein Harakiri, meinen Beruf nicht aufgeben und abschreiben wie die ganze Branche es mit sich selbst macht, mutig sein und trotzig und optimistischer tun als ich bin, weiter machen. Nach mir die Sintflut. Aber auch meine Kinder – die ich mit Wissbegier, Haltung und Leidenschaft anzustecken versuche. Dann werden sie Werkzeuge finden, um die Welt zu verstehen und zu beschreiben. Und weiter machen.

unnamed

Nataly Bleuel
, freie Journalistin

Kathrin Hartmann, freie Journalistin:

“Ich beobachte ein zunehmendes Misstrauen gegen die Mainstreammedien, das ich auch teile.”

Was ist guter Journalismus?
Guter Journalismus hinterfragt Macht und beleuchtet deren Strukturen und Auswirkungen auf die Allgemeinheit. Er ist unabhängig aber auch empathisch, schaut den Herrschenden auf die Finger und agiert nicht als deren Verlautbarungsorgan. Eher nimmt er die Rolle einer Gegenöffentlichkeit ein – indem er Fakten richtig gewichtet und in den größeren Zusammenhang einordnet, so dass sich die Allgemeinheit ein Urteil bilden kann. „Neutral“ zu sein bedeutet nicht, keine Haltung zu haben, sondern unabhängig zu sein von Interessen, die nur einem kleinen Teil der Gesellschaft nützen. Guter Journalismus ist investigativ, klärt auf, stellt aber mehr Fragen als er meint, beantworten zu können, regt Debatten an und gestaltet eine lebendige demokratische Gesellschaft.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Als ich anfing, journalistisch zu arbeiten, war Internetrecherche kaum möglich. Man musste viel Zeitung lesen und in Archiven stöbern. Vor allem aber musste man mit vielen Menschen reden. Es war nicht so leicht, sich schnell ein Urteil zu bilden. Mühsam manchmal, aber nicht unbedingt ein Nachteil. Heute ist mir das Internet eine riesengroße Hilfe, ich habe Zugriff auf internationale Zeitungen, Studien, Blogs – insbesondere Watchblogs – und ich kann Gesprächspartner aus der ganzen Welt finden und mit ihnen ganz einfach kommunizieren.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Mein Weg in den Journalismus war klassisch – jahrelange feste und freie Mitarbeit im Lokalteil der Frankfurter Rundschau, dann Volontariat bei der FR. Man glaubt es kaum, aber davon konnte ich neben meinem Studium ganz gut leben. So einen klassischen Weg würde ich jederzeit empfehlen, aber ich glaube, dass das heute für viele unmöglich ist. Freier Journalismus, insbesondere Lokaljournalismus, ist katastrophal schlecht bezahlt, Praktika manchmal gar nicht. Da dranzubleiben geht eigentlich nur, wenn man Eltern hat, die einem das finanzieren. Eine fatale Entwicklung, die auch dazu führt, dass sich an den Journalistenschulen und in den Medien selbst immer mehr Angehörige höherer Schichten tummeln und dort ihre Weltsicht verbreiten.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Weil ich gern Dinge hinterfrage, die mehrheitlich für gut befunden werden, weil sie so pragmatisch sind (zB. Ethischer Konsum, Tafeln, Mikrokredite, Fairer Handel) klopfe ich diese nach folgenden Fragen und recherchiere entsprechend: Wer sind die Akteure? Ändert es die Strukturen oder erhält es sie? Wie sehen es die, die angeblich davon profitieren sollen? Wer profitiert tatsächlich? Was sind die Folgen für die, die es betrifft, und für die Allgemeinheit? Dabei versuche ich, vor allem mit denen zu sprechen, über die dauernd gesprochen wird, die aber nie zu Wort kommen, weil sie gar nicht erst gefragt werden.

Wie geht’s weiter?
Ich beobachte ein zunehmendes Misstrauen gegen die Mainstreammedien, das ich auch teile. Das absurde Chaos bei Spiegel, Stern und Focus spricht Bände. So auch der Erfolg bestimmter Blogs und Internetportale wie Nachdenkseiten, Bildblog, Carta, law blog, Klimalügendetektor und andere Watchblogs, die auch die Medien selbst ins Visier nehmen. Gleichzeitig gibt es mehr und mehr journalistische Projekte, die von großen Verlagshäusern unabhängig sind oder sein wollen und so etwas wie „demokratischen“ Journalismus bieten wollen. Ich weiß noch nicht so richtig, was ich davon halten soll. Vielleicht wird das zu einer Blase. Dass sie sich aber zur Aufgabe gemacht haben, ungerechte und verkrustete Strukturen – letztlich Machtverhältnisse – aufzulösen oder zumindest zu hinterfragen und damit eine Debatte über Journalismus anregen, das gefällt mir gut.


Kathrin Hartmann, freie Journalistin und stv. Vorsitzende der freischreiber

Fiona Krakenbürger, freie Journalistin:

“Sich nicht beirren lassen.”

Was ist guter Journalismus?
Die Frage ist zwar einfach gestellt, aber umso schwieriger zu beantworten. Im öffentlichen Diskurs wird nicht selten von allgemein gültigen Kriterien für „Guten Journalismus“ ausgegangen. Er soll unabhängig sein, vermeintlich objektiv, investigativ, mit Zeit, Mühe, Schweiß und Tränen des Journalisten aufgewertet sein und vor Nichts zurückschrecken. Viele dieser Ansprüche sind nur noch für einen Bruchteil der momentan aktiven JournalistInnen realistische Ziele, geschweige denn Lebensrealität und es werden viele journalistische Produkte konsumiert, die sogar keinem dieser Ansprüche genug werden. Ich glaube, es immer ein subjektives und sehr persönliches Erlebnis, ob Journalismus gut ist. Ich sehe die bedeutsamen Kriterien woanders – in der vermittelnden Funktion von Journalismus. Journalismus ist eine Möglichkeit, verschiedenen Welten etwas übereinander zu erzählen. Dafür muss Journalismus zwei Kriterien erfüllen – er muss Sachverhalte gut erfassen und zweitens vermitteln können. Das heißt, JournalistInnen müssen sich einen Überblick verschaffen, die Spezifika herausarbeiten und diese in einer Sprache wiedergeben, die ihrer Zielgruppe zusagt und verständlich ist.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Das Internet bietet mir seit vielen Jahren einen Resonanzraum für das was ich schreibe, sage und zeige. Das wertvollste Feedback kommt dabei von Menschen, die selber keinen technischen Hintergrund haben, aber interessiert an Computertechnologien sind und gerne dazu lernen möchten. Sie können mir ein Bild davon vermitteln, welche Ansätze ihnen weiterhelfen, welche zugänglich sind und welche sie überfordern. Darüber hinaus wäre ich ohne das Internet sicherlich nie in die Rolle einer Vermittlerin für Technisches gekommen. Das ist erst durch den Austausch mit Lesern und Leserinnen von Fionalerntprogrammieren eine naheliegende Option geworden, da der Bedarf für ein niedrigschwelliges Angebot von n00bs für n00bs erst dadurch sichtbar wurde.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Das weiß ich nicht genau – du bist im Grunde genommen der erste, der mich Journalistin nennt. Ich bin offensichtlich reingerutscht. Aber ich denke, generell gilt: Die Alternative zum klassischen Ausbildungsweg hin zu einer Expertin ist es, eine spezifische und besondere Kombination von Interessen und Fähigkeiten zu haben.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Ich tue eigentlich nur das, was ich auch spannend finde, das hat bisher überraschend gut funktioniert. Ansonsten haben sich zwei Dinge bewährt: Aktiv den Austausch mit interessanten und spannenden Menschen suchen und sich nicht beirren lassen.

Wie geht’s weiter?
In den nächsten 6 Monaten werde ich auf jeden Fall den Projekten n00bcore und Looking Into Black Boxes mehr Zeit widmen. Das Studium muss ich dafür niedriger priorisieren, aber die gewonnene Zeit werde ich mit großer Sicherheit sinnvoll nutzen, unter Umständen auch für ein paar Artikel rund um die Themen, mit denen ich mich zur Zeit beschäftige.

Fiona Krakenbürger, freie Journalistin und Podcasterin

Dirk Hansen, freier Journalist:

“Ein Journalismus, der sich Zeit für den Zweifel nimmt, für den zweiten Gedanken.”

Was ist guter Journalismus?
Ein Journalismus, der es schafft, das Wahre zu erkennen und das Wesentliche zu benennen – und sich dann die Zeit für den Zweifel nimmt, für den zweiten Gedanken. Auch sollten wir versuchen, soweit irgend möglich, unabhängig von Interessen zu handeln, manchmal sogar von den eigenen.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
So sehr und so gut, dass ich es mittlerweile kaum noch wahrnehme. Nicht einmal dann, wenn es mich zu behindern beginnt, weil ich dort vor lauter Fakten keine Tatsachen mehr finde.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Immer noch der Pfad der Praxis, wobei auch Umwege ans Ziel führen können. Als Kompass empfehle ich das Bewusstsein für das eigenen Können und als Treibstoff die Leidenschaft, wichtige Fragen zu (er-)klären. An Transportmitteln gibt es viele wunderbare Vehikel: Volontariate, Journalistenschulen, praxisorientierte Studiengänge. Vielleicht ginge es auch zu Fuß, per Blog etwa.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Differenzieren, also immer auf die Unterschiede achten. Zwischen der Oberfläche und den Hintergründen von Themen zum Beispiel. Oder zwischen journalistischer Haltung und publizistischer Pose bei mir selbst.

Wie geht’s weiter?
Journalismus im digitalen Medienwandel bleibt eine aufregende Gratwanderung. Wobei die Abgründe immer tiefer und die Erwartungen immer höher werden.



Dirk Hansen
, freier Journalist und Medienberater

David Bauer:

“Es bleibt anstrengend und hochspannend.”

Was ist guter Journalismus?
Guter Journalismus macht es sich nicht einfach.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Das lässt sich so gar nicht mehr beantworten für mich. Das Internet ist kein Arbeitsinstrument, sondern komplett mit dem Journalismus verwobener Kontext. In den meisten Fällen ist es eine Hilfe und eröffnet neue Möglichkeiten.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Felix Salmon hat neulich mal gesagt: «The best journalism school is your own blog.» Da ist viel Wahres dran. Ein eigener Blog ermöglicht es, viel zu publizieren, viel auszuprobieren. Ein Blog hilft, eine eigene Stimme und ein Publikum zu finden. Er zwingt einen, selber nach Themen zu suchen. Er lehrt einen, zu Fehlern zu stehen und mit Kritik umzugehen. Und er ist letztlich ein öffentliches, laufend wachsendes Portfolio.
Dass dies der beste Weg in den Beruf ist, würde ich nicht behaupten. Den einen besten gibt es nicht. Es ist aber sicher ein Weg, den junge Menschen, die in den Journalismus wollen, noch zu wenig auf dem Radar haben.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Manchmal muss man sich zur Neugier zwingen.

Wie geht’s weiter?
Journalismus wird noch stärker und in immer kürzeren Abständen gezwungen werden, sich zu verändern, um seine Rolle für die Gesellschaft spielen zu können. Es bleibt anstrengend und hochspannend.


David Bauer, Journalist. Looking for the next big challenge.

Richard Gutjahr, freier Journalist:

“Machen und Ausprobieren, statt reden.”

Was ist guter Journalismus?
Als jemand, der sein Geld mit Journalismus verdient, halte ich es wie Karl Valentin mit der Kunst. Guter Journalismus ist schön, macht aber viel Arbeit.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Für mich ist das Internet ein einzigartiges Geschenk. Es wird unsere Profession verändern, auf Arten, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Ich würde jedem Berufsanfänger heute dringend empfehlen, Grundlagen im Programmieren zu erwerben. Das kleine Latinum für den Journalismus der Zukunft.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Trial and Error. Machen und Ausprobieren, statt reden. Was sich als sinnvoll erweist, integriere ich in meinen Arbeitsablauf, was sich als nutzlos entpuppt, lege ich auch ganz schnell wieder ab.

Wie geht’s weiter?
Die korrekte Antwort lautet 42.

richard

Richard Gutjahr, freier Journalist