Nataly Bleuel, freie Journalistin:

“Vor dem Schreiben noch mal denken.”

Was ist guter Journalismus?
In gutem Journalismus stecken, auch wenn das keiner so buchstabiert: Recherche, Ideen, Haltung, Neugier, Empathie, Offenheit, Intelligenz, Bildung, Witz, kleine Information und große Geschichten und Gefühle und manchmal sogar Liebe. Leider immer weniger Z und H, Z wie Zeit und H wie Honorierung. Also viel zu wenig W wie Wertschätzung.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Aber hallo!, für die sofortige Beschaffung von Informationen. Gerade eben: Was ist BSL4? Manchmal stelle ich mir vor, wie es ohne wäre, und war. Die Berge von Telefonbüchern. Zig zähe Telefonate. Die Stabi. Der Taxifahrer. Und dann bist du immer noch nicht sicher.

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Bei mir war es der allererste Auftrag im Praktikum: „Geh mal auf den Markt und schau, was da so los ist!“ Dann die Anziehungskraft eines Menschen in Form eines Redakteurs. Und die Journalistenschule. Also: Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft und Handwerk. Aber auch elf Praktika.

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Viel zu viele Routinen und Regeln und deshalb ungern auch noch Ratschläge, schon gar nicht in Marmor graviert. Manchmal denke ich an Herbert Riehl-Heyse, der empfahl: Vor dem Schreiben noch mal zu denken. Also darüber nachzudenken, wie ein Text aufgebaut sein könnte, was man wie darin sagen will und wozu. Zu wem – ist für mich auch wichtig.

Wie geht’s weiter?
Weiter machen. Schreiben. Mein Bestes geben. Nicht zu viel drüber Nachdenken, am besten eher wenig und die Alpträume am Morgen verdrängen, weiter machen. Kein Harakiri, meinen Beruf nicht aufgeben und abschreiben wie die ganze Branche es mit sich selbst macht, mutig sein und trotzig und optimistischer tun als ich bin, weiter machen. Nach mir die Sintflut. Aber auch meine Kinder – die ich mit Wissbegier, Haltung und Leidenschaft anzustecken versuche. Dann werden sie Werkzeuge finden, um die Welt zu verstehen und zu beschreiben. Und weiter machen.

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Nataly Bleuel
, freie Journalistin